Wann passt die Mitarbeiter-eG — und wann nicht?

Es gibt Erstgespräche, in denen ich nach zwanzig Minuten sage: „Ich glaube nicht, dass das Modell für Sie passt." Das ist selten. Aber es kommt vor. Und es ist, ehrlich gesagt, einer der Momente, auf die ich am meisten Wert lege.

Denn ein Modell, das nicht zu einem Unternehmen passt, bringt niemanden weiter. Weder den Inhaber, der sich auf eine Lösung einlässt, die seiner Situation nicht gerecht wird. Noch die Mitarbeiter, denen etwas versprochen wird, das nicht hält. Und schon gar nicht das Unternehmen selbst, das dann zwischen den Stühlen sitzt.

Deshalb steht am Anfang jedes Prozesses bei InhaberFolge eG eine Frage, die keine Verkaufsfrage ist: Passt das wirklich? Die ehrliche Antwort darauf ist der einzige sinnvolle Ausgangspunkt.

Das Unternehmen muss aus sich heraus tragen können

Das wichtigste Kriterium ist wirtschaftlicher Natur, und es ist nicht verhandelbar: Das Unternehmen muss profitabel sein — und zwar so, dass es aus seinem laufenden Ertrag eine Zeitrente zahlen kann, ohne dabei in Schwierigkeiten zu geraten. Die Zeitrente ist das Herzstück des Modells, sie ist die Ablöse für den Inhaber. Wenn das Unternehmen sie nicht verlässlich bedienen kann, bricht das gesamte Konstrukt zusammen.

Das bedeutet nicht, dass jedes Jahr ein Rekordjahr sein muss. Aber ein Unternehmen, das strukturell kämpft, das Jahr für Jahr an seine Grenzen stößt, das jeden Auftrag braucht, um die Kosten zu decken — das ist keine verlässliche Basis für dieses Modell. Weder für den Inhaber, der auf die Zahlungen angewiesen ist, noch für die Mitarbeiter, die Eigentümer werden sollen.

Was „profitabel" hier bedeutet: Nicht Höchstmarge. Sondern stabile, planbare Erträge — über mehrere Jahre, nicht nur im letzten guten Jahr. Das Unternehmen muss zeigen, dass es auch ohne den persönlichen Einsatz des Inhabers rund läuft. Was das im Einzelfall konkret heißt, klären wir im Erstgespräch — und dann gemeinsam mit dem Steuerberater.

Die Mitarbeiter müssen es wirklich wollen

Das klingt selbstverständlich. Ist es nicht. Immer wieder erlebe ich Inhaber, die überzeugt sind, dass ihre Mitarbeiter das Unternehmen übernehmen würden — und dann stellt sich im Gespräch heraus, dass das nie wirklich offen besprochen wurde. Oder schlimmer: Es wurde besprochen, aber die Signale wurden falsch gelesen.

Mitarbeiter, die gute Arbeit leisten, verlässlich sind, pünktlich nach Hause gehen und keine unternehmerische Verantwortung tragen wollen — das sind keine schlechten Mitarbeiter. Im Gegenteil. Aber sie sind nicht die richtigen Nachfolger für dieses Modell. Die Mitarbeiter-eG braucht Menschen, die sich das Unternehmen wirklich zu eigen machen wollen. Die bereit sind, Risiken zu tragen, Entscheidungen zu verantworten, an schlechten Tagen da zu sein. Das ist eine andere Haltung als die des Angestellten — und das ist keine Frage des Könnens, sondern des Wollens.

Wenn diese Menschen nicht da sind, ist das kein Versagen. Aber dann passt das Modell nicht — und es wäre falsch, so zu tun als ob.

Jemand muss führen können — oder es lernen wollen

Eine Genossenschaft ist demokratisch organisiert. Das ist einer ihrer größten Vorzüge. Aber Demokratie braucht Struktur, und Struktur braucht Führung. Eine eG, in der niemand wirklich die Initiative ergreift, in der niemand Entscheidungen herbeiführt, in der alle gleich viel wollen und niemand vorangeht, wird nicht funktionieren.

Manchmal gibt es in einem Team einen Mitarbeiter, der klar die Führungsrolle übernehmen könnte — vielleicht schon seit Jahren informell tut. Manchmal gibt es zwei oder drei, die gemeinsam eine Führungsstruktur aufbauen könnten. Manchmal gibt es das nicht. Das ist ein entscheidendes Kriterium. Und es ist eines, das sich nicht durch Beratung ersetzen lässt.

Wann es nicht passt — und warum das wichtig zu sagen ist

Es gibt Konstellationen, in denen das Modell schlicht nicht das richtige ist. Das laut auszusprechen ist keine Schwäche. Es ist das Mindeste, was man Inhabern schuldet, die eine ernsthafte Entscheidung treffen wollen.

Die erste Konstellation: Das Unternehmen hängt zu stark am Inhaber. Persönliche Kundenbeziehungen, die über Jahrzehnte gewachsen sind und die kein Mitarbeiter ersetzen kann. Wissen, das ausschließlich im Kopf des Inhabers steckt und nirgendwo dokumentiert ist. Prozesse, die nicht aufgeschrieben wurden, weil der Inhaber sie schlicht kennt. In diesem Fall ist das Fundament für eine Übergabe — gleich an wen — noch nicht da. Das kann man aufbauen. Aber es braucht Zeit, oft mehr als Inhaber in der Planung einkalkulieren.

Die zweite Konstellation ist noch klarer: Wenn ein Inhaber sein Unternehmen in erster Linie als Finanzobjekt betrachtet und einen maximalen Kaufpreis erzielen will, ist die Mitarbeiter-eG nicht das richtige Modell. Das sage ich auch direkt. Dann gibt es bessere Wege — einen strategischen Käufer, einen externen Investor, einen M&A-Prozess. Die Mitarbeiter-eG ist auf eine andere Logik ausgelegt: auf Kontinuität, auf Übergabe über Zeit, auf eine Ablöse, die das Unternehmen wirtschaftlich verträgt. Das ist kein schlechteres Modell — aber es ist ein anderes.

Zur Klarheit: Dieses Modell wirbt nicht damit, für alle das Richtige zu sein. Wer das behauptet, lügt. Aber für manche Unternehmen, manche Inhaber, manche Teams ist es das Modell, das alles zusammenhält — das Unternehmen, die Kultur, die Menschen, die es aufgebaut haben.

Was die Entscheidung vereinfacht

Eine strukturierte Eignungsanalyse am Anfang. Nicht um den Inhaber in eine Richtung zu drängen. Nicht um das Gespräch zu einem Erstgespräch mit Abschlusscharakter zu machen. Sondern um ehrlich zu klären: Ist das hier überhaupt eine Option — oder nicht?

Der Eignungscheck auf dieser Website ist ein erster Schritt in diese Richtung. Er fragt nach den entscheidenden Parametern: Unternehmensgröße, wirtschaftliche Stabilität, Planungshorizont, Offenheit für das Zeitrenten-Modell, Team. Das Ergebnis ist keine Garantie und keine Beratung — aber es ist eine ehrliche erste Einschätzung. Und wer danach ein Gespräch möchte, kann es vereinbaren.

Manchmal endet dieses Gespräch damit, dass ich sage: Das passt gut, lassen Sie uns weitergehen. Manchmal endet es damit, dass ich sage: Ich glaube, Sie sollten zunächst etwas anderes klären — und dann nochmals schauen. Und manchmal: Das ist nicht das richtige Modell für Sie, und ich sage Ihnen warum.

Alle drei Ausgänge sind in Ordnung. Nur einer wäre es nicht: so zu tun, als ob es passt, obwohl es nicht passt.

AB

Über den Autor

Dr. Axel Bauer

Inhabercoach und M&A-Berater aus Köln. Seit 1999 selbständig, 4 eigene Exits, zertifizierter Business-Coach seit 2012. Sparringspartner für Inhaber bei strategischen Entscheidungen, Unternehmensverkauf und Nachfolge. axelbauer.de

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